Wind of Chance – wie ein Hort in Mannheims Problemviertel die Pandemie meistert

In einem Hort in Mannheims Problemviertel soll Grundschulkindern Werte und Ordnung beigebracht werden. Doch wie geht das, ohne sich nah sein zu dürfen?

Wer die Chance hat, bei Saskia einen Burger zu bestellen, sollte sie nutzten. Sie tischt dann ein ganzes Menü auf. Erst Kaffee, dazu Pommes mit Hähnchen, als Hauptspeise einen Spieß vom Grill und zum Schluss den georderten Burger. Wartezeit: fünf Minuten.

Die Maske kann beim Essen aufgelassen werden, denn der Spieß und die Pommes sind aus Plastik und Saskia 8 Jahre alt. Ihr Name ist eigentlich ein anderer. Sie ist eins der gut zweidutzend Mädchen und Jungen im Aufwind Mannheim, einem Hort für Kinder, deren Familien sich am untersten Rand der Gesellschaft befinden. Mütter in Frauenhäusern und Gewalterfahrungen sind hier keine Seltenheit, sondern vielmehr Voraussetzung, um einen Platz in Aufwind zu bekommen.

Die Einrichtung liegt zentral in der Neckarstadt-West, Mannheims Problemviertel. Kriminalität und illegale Prostitution sind hier weit verbreitet. Die Lupinenstraße, das Rotlichtmilieu, ist keine 500 Meter Luftlinie entfernt. Von Armut ist in Mannheim laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung jedes fünfte Kind betroffen. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Landesdurchschnitt.

Die Ausgangslage ist keine gute und dann kommt auch noch die Coronapandemie hinzu.

„Wir können keine langfristige pädagogische Arbeit machen“, sagt Patrick Pietsch. Er leitet den pädagogischen Bereich. „Wir können eigentlich nur noch versuchen, dass die Situation nicht noch schlimmer wird.“

Die Gruppe wurde durch zwei geteilt. Wechselklassen wie in der Schule. Gegen 11 Uhr treffen die Kinder nacheinander ein. Mittlerweile müssen auch sie Maske tragen. Bei manchen ist das Gummi zwei Mal ums Ohr gewickelt. „Die Masken erleichtern unsere Arbeit enorm“, sagt Pietsch. Jetzt muss er nicht ständig auf den nötigen Abstand aufmerksam machen. Allerdings erschwert sie die Arbeit auch. Er könne seine Mimik weniger einsetzen und müsse eher zur Stimme greifen. 

Es ist wenig normal bei Aufwind in diesen Tagen. Fareeha, 10 Jahre, vermisst den Zirkus. Dort konnte sie einmal die Woche zum Proben hin. Auch die Zumba-AG und das Viet-vo-Dao-Training, eine vietnamesische Kampfkunst, müssen entfallen.

„Ich vermisse euch“ steht auf einem Zettel, der am Kühlschrank klebt. Bis vor kurzem war der Hort geschlossen. Deshalb werden im April noch Weihnachtsgeschenke ausgepackt. Alle Kinder stehen um einen Eimer Wasser herum, in dem sich ein Badespielzeug auflöst. Pietsch muss eingreifen: „Alle einen Schritt zurück!“, sagt er und wird bei jeder Wiederholung lauter. Die Kinder schauen trotzdem aufgeregt in den Eimer. 

Was bei Aufwind vermittelt werden soll, sind neben Bildung Werte und Ordnung. Am Eingang müssen die Kinder mit einem Button kennzeichnen, in welchem Raum sie sich gerade aufhalten, ein Belohnungssystem mit Kugeln schafft Anreize für gutes Benehmen und die Glocke zum Mittagessen ertönt pünktlich um 13 Uhr. Als alle an der langen Tafel Platz genommen haben, macht sich Erleichterung breit: „Endlich Maske weg!“

Zum Essen kommt auch Alex Baur dazu. Er kümmert sich um das Organisatorische. Bei Nudeln mit Tomatensoße erzählt er von der durch die Pandemie entstandene Unsicherheit in den Familien. Das sei so weit gegangen, dass die Eltern ihre Kinder nicht mehr schicken wollten, sagt er. „Letztens haben wir geschlossen, weil nur ein Kind gekommen ist.“ Wenn Baur von einem Umstand genervt ist, lässt er das linke Augenlied hängen. Baur ist oft genervt.

Kinder, die bei Aufwind einen Platz bekommen haben, haben die Chance, die soziale Misere hinter sich zu lassen. Der spendenfinanzierte Hort hat viele Möglichkeiten: Der Saal als einer von drei Aufenthaltsräume ist so groß, dass darin Fußball und Tischtennis gespielt, Brettspiele ausgepackt und Springseil gehüpft werden kann – gleichzeitig.

Ohne diesen Platz wäre vieles schwieriger. Denn raus darf die Gruppe nicht. Ab der Türschwelle gelten die Kontaktbeschränkungen. „Die Kinder werden teilweise nach der Schule zuhause mit Chips, Cola und Playstation ruhiggestellt, nachdem sie in der Schule stillsitzen mussten“, beschreibt Alex Baur die Situation. Das sei ungesund. „Ein Kind muss an die frische Luft, muss rennen, toben, springen und laut sein dürfen.“

Deswegen alles drinnen: Tischtennis und Rundlauf, Passspiel mit dem Fußball und Ringe werfen. „Lukas, Maske hoch!“ Es geht gerade nicht anders: Fenster auf und Heizung an. Es zieht im Aufwind. 

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