Der Museums-Influencer – wie Johan Holten die Kunsthalle Mannheim digitalisiert

Die Kunsthalle Mannheim muss pandemiebedingt drei Mal schließen. Viele Monate keine Kunst? Das will Direktor Johan Holten nicht akzeptieren – und wird zum digitalen Vorreiter.

Die Kamera seines Smartphones ist an. Das Video läuft. Johan Holten geht erst einmal einen Schritt zurück und lehnt sich lässig an die Wand. Er grinst verschmitzt. Was bei anderen unerfahren wirken würde, sieht bei ihm aus wie ein Stilmittel. Er nimmt sich die Zeit. Drei, vier Sekunden. Dann geht es los. Ein Wort, ein Schritt. Noch ein Wort, noch ein Schritt. Die Augenbrauen dabei auf Anschlag.

Johan Holten ist Direktor der Kunsthalle Mannheim und verkörpert das Gegenteil des Klischees eines verstaubten Museumsleiters. Das sorgt für Aufmerksamkeit und die sucht er auch.

Kurz nachdem er im Spätsommer 2019 in Mannheim seine Stelle als Direktor angetreten hatte, musste er die Kunsthalle auch schon wieder schließen. Das Coronavirus zwang ihn dazu. „Das war ein Schock“, erzählt Holten in einem Videotelefonat. „Ein großer Moment der Unsicherheit“. Was macht man mit einem riesigen Museum, einem Protzbau zentral in der Mannheimer Innenstadt, in den niemand herein darf? 

Am Abend vor der Schließung, ein Freitag und zudem noch ein dreizehnter, habe eigentlich ein kleine Veranstaltung in der Kunsthalle stattfinden sollen, erzählt Holten. Abgesagt. Er sei mit einem flachen Gefühl nach Hause gekommen. „Wie geht es jetzt weiter?“, habe er er sich gefragt. 

Für ihn sei recht schnell klar geworden, dass er jetzt darauf zurückgreifen müsse, was er schon an der Kunsthalle Baden-Baden angefangen hatte. Dort hat er im Jahr zuvor mit dem Projekt „2minkunst“ versucht, Kunst digital zu erzählen. „Ein siebenminütiges Video kann man vergessen“, sagt er heute. Dann fehle die Aufmerksamkeit. 

Was damals ein Projekt war, ist jetzt sein Ausweg aus der Misere. Holten will digitale Möglichkeiten nutzen, damit das Museum präsent bleibt. „Als wir schließen mussten, dachte ich mir, ich gehe morgen in die Kunsthalle und probiere es ohne Skript und ohne Unterstützung vom Team einfach aus“, schildert Holten.

Am nächsten Tag macht der 45-Jährige genau das. Er stellt sich in die leeren Räume und spricht in sein Smartphone, das er „Bilderrahmen des 21. Jahrhunderts“ nennt. Er streift mutterseelenallein durch die großen Räume, spricht leise und dennoch hallt es, während er ein Gemälde des Malers George Grosz vorstellt

Sein Social-Media-Team war nicht besonders begeistert: „Das können wir nicht so schnell machen“, sei die Antwort gewesen. Er habe daraufhin gesagt: „Das müssen wir so schnell machen!“ Jetzt!

Das Video geht online – die „#KuMaChallenge“ ist geboren. Sogenannte Challenges, also Herausforderungen, sind en vogue in Sozialen Medien. Statt einer Tanz-Challenge auf Tiktok stellen hier Künstlerïnnen und Kuratorïnnen Kunstwerke vor.

Die Kunsthalle Mannheim agiert mit ihren digitalen Aktivitäten auf ungewöhnlichem Terrain. Ein Strandfoto. Swipe. Eine Influencerin bewirbt einen Lippenstift. Swipe. Johan Holten. Swipe. Aufmerksamkeit ist im Netz eine Währung und ein Museum von vornherein nicht besonders liquide. Wieso will er trotzdem dort präsent sein? „Social Media ist genauso ein Kommunikationskanal wie der Ausstellungskatalog.“ Das sagt er so, als ob es in der Branche eigentlich selbstverständlich sein müsste.

Foto: Kunsthalle Mannheim/ Daniel Lukac

Aufmerksamkeit erzeugt Holten schon durch sein Auftreten. Wenn er spricht, wechselt er von leise zu kräftig, von langsam mit vielen Pausen zu schnellen Sätzen. Manchmal zieht er Wörter in die Länge – „Wiiiiiiiiiese“. Seine Sprache ist ein Tanz. 

Sein Auftreten mit viel Gestik und Mimik hat er in seiner Jugend gelernt. In Kopenhagen studierte der gebürtige Däne an der königlichen Ballettakademie Tanz. Mit 18 Jahren zog er nach Deutschland und machte weiter. Das Tanzen habe sein Verständnis von Raum und Architektur sehr geprägt, erzählt er. „Meine Erfahrung, wie ich durch Räume laufe, hat auch damit zu tun, dass ich Räume körperlich spüre und nicht nur das abstrakte Raumgebilde sehe.“ 

Aber auch bei ihm laufe immer noch nicht alles glatt. Es nerve ihn, dass die Kunsthalle immer noch an einigen Punkten mit der Technik zu kämpfen habe. Er macht trotzdem weiter. Sein Ziel: Er will herausfinden, wie Kunst digital erfahrbar gemacht werden kann. 

Anruf bei Hendrik Bündge. Der Kurator kennt Holten schon lange. Am Heidelberger Kunstverein haben sie das erste Mal zusammengearbeitet. Später nahm Holten ihn mit nach Baden-Baden. Wie geht Johan Holten an solche Projekte heran? „Es ist ein permanentes Grübeln und Nachdenken, was man verbessern kann“, beschreibt Bündge. Holten sei dann in der Mittagspause auch mal spontan mit einer Idee aufgetaucht. „Guten Appetit. Iss weiter. Denk mal drüber nach“, habe er dann gesagt.

Holten hinterfragt die digitalen Möglichkeiten. Zum Beispiel ob man wirklich den Raum auf dem Bildschirm nachbauen sollte, wie in Zusammenarbeit mit dem ZDF kürzlich geschehen. Er vergleicht das mit der Entwicklung vom Theater zum Film. „Dort wurde auch erst versucht, die Bühne abzufilmen.“ Aber das sei Theater auf Leinwand. Deswegen will Holten Mittel finden, die tatsächlich die Übertragung ins Digitale schaffen. Er sucht weiter.

Noch steht Holten dabei sehr im Vordergrund. Er dominiert die Videos mit seiner Art, mit seiner Begeisterung. Der Auftritt solle nicht klingen wie eine Daimler-Hauptversammlung, sagt er. Ob er sich als Social-Media-Star sehe? „Mich kann man gar nicht mit Influencern vergleichen. Ich habe viel zu viel Inhalt zu vermitteln.“

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